Für erblindete Menschen kann das einer der schönsten Momente überhaupt sein
Interview mit Michael Vogt
Einleitung: Erblindete Menschen haben in diesem Jahr zum ersten Mal die Möglichkeit, die Märli Biini dank Audio-Deskription zu geniessen. Michael Vogt, Mitgründer von Audio Description Network, und sein Team machen das möglich. Im Interview erzählt er unter anderem über den Ursprung dieser «non profit Organisation», wie es zur Zusammenarbeit mit der Märli-Biini kam und was der Zugang zu Kultur für Betroffene bedeutet.
Interview: Mauro Truttmann
Mauro Truttmann: Wie sind Sie überhaupt zu der Audiodeskription gekommen?
Michael Vogt: Ich bin selbst mit 33 Jahren erblindet und habe dann schnell festgestellt, dass es in der Schweiz viele Sachen gibt, die als erblindete Person schlichtweg nicht zugänglich sind und dass es da ganz viel zu tun gibt. Und so bin ich auf die Audiodeskription gestossen. Es ist eine Methode, wie Kultur beispielsweise eben auch für blinde Menschen zugänglich gemacht werden kann. Da habe ich begonnen, mich damit auseinanderzusetzen. Seit neun Jahren mache ich Audiodeskriptionen , 2022 habe ich dann das Audio Description Network mitgegründet.
Gab es einen Moment, der Ihnen gezeigt hat, «das braucht es jetzt unbedingt»?
In der Schweiz gibt es Live-Audiodeskriptionen von Kultur oder Events schon bald seit 30 Jahren. Nicht alle haben aber die Möglichkeit, eine Audiodeskription zu realisieren. Und die wenigen Anbieter, die das seither gemacht haben, haben das auch nicht unbedingt in einer Qualität gemacht, die sinnstiftend oder zielführend ist. Heisst, dass es für Blinde eher enttäuschend war, wenn sie zu einem Event hinfahren und nach zwei, drei Minuten schon denken: «Das muss ich mir nicht antun. Das funktioniert nicht.» Und genau dort setzen wir an. Wir können Audiodeskription in der Schweiz weiterentwickeln und in der Kultur und bei Events etablieren in einer tollen Qualität.
Und wie zeigt sich qualitativ schlechte Deskription?
Die Ursache davon ist, dass Sehende denken, sie machen etwas Gutes für Blinde. Also, dass sie einfach einen Text schreiben, aber nie sicherstellen, ob dieser für Blinde überhaupt so funktioniert. Das ist dann nicht in dem Sinne. Es sollen erblindete Menschen involviert sein, um sicherzustellen, dass die Beschreibungen wirklich funktionieren und auch interessant sind. Wenn das nicht geschieht, wird es nicht verstanden, dann ist auch eine grosse Enttäuschung da.
Was treibt Sie an dieser Arbeit an?
Dass Audiodeskription im Kultur- und Eventbereich blinden Menschen ein vergleichbares, gleichwertiges Erlebnis ermöglicht, wie sehende Menschen es tun. So können auch Blinde bei einem Austausch teilnehmen oder Erlebnisse teilen. Es ist einfach etwas sehr Schönes, wenn die Art von Inklusion dazu führen kann, dass gemeinsam etwas erlebt und erfahren werden kann.
Wenn man an Barrierefreiheit denkt, dann kommen vielen Rampen oder Aufzüge in den Sinn. Warum wird der Zugang zur Kultur so oft vergessen?
Ich glaube, dafür gibt es verschiedene Faktoren. Sie sprechen die Rollstuhlrampen an: Das ist etwas, dass es schon seit längerem gibt, dass Neubauten, Infrastrukturen oder Toiletten rollstuhlgängig sind. Das Bewusstsein, dass das notwendig ist, ist viel früher bei der Architektur oder in der Politik angekommen. Nicht zuletzt wohl auch, weil Rollstuhlfahrer:innen eine starke Lobby haben, selbst innovativ sind und gut kommunizieren können. Inzwischen sind auch schon SIA-500-Normen definiert für hindernisfreie Bauten.
Warum das bei Kultur länger geht? Dass der Zugang zu Kultur gewährleistet sein muss, ist in den gesetzlichen Grundlagen seit 2004 verankert. Als man die UNO- Behindertenrechtskonvention ratifiziert und angenommen und dann in die Gesetzesgrundlage implementiert hat, hat man gedacht, dass nicht viel gemacht werden muss und das nicht aufwendig ist. Dann wurde festgestellt, dass die Inklusion von den Institutionen angeboten werden müssen, die Kultur anbieten. Genau so ist es bei der Audiodeskription oder auch bei gehörlosen Menschen – da geht es um Gebärdensprache. Das ist dann mit Kosten verbunden und ist also teurer, als wenn man diese Sachen gar nicht anbietet. Die Institutionen sind nicht bereit, zusätzlich Geld in die Hand zu nehmen, damit Randgruppen einen Zugang ermöglicht wird. Das Interesse ist nicht unbedingt da. Davon kann man nicht ausgehen.
Sie ermöglichen diesen Zugang mit Audiodeskription. Was ist das konkret?
Audiodeskription ist im Prinzip eine Methode, eine Möglichkeit, wie man sichtbares oder hörbares in Sprache transformieren kann. Man kann sichtbares Beschreiben, sodass bei blinden Menschen ein inneres Bild entsteht.
Wie beschreibt man Emotionen, Kostüme oder lustige Szenen, dass es auch so rüberkommt?
Genau das ist das Spannendste und etwas vom schwierigsten bei einer Audiodeskription. Dass Emotionen, Blickkontakte, Blickwechsel, ein Zurückschrecken oder die nonverbalen Gesten in Sprache transformiert werden können. Aber genau das macht es auch aus, dass Atmosphären, Stimmungen usw. transportiert und benennt werden können.
Wie braucht man denn als Sprecherin oder als Sprecher ein Regiegefühl, wenn man z.B. ein Theaterstück in die Audiodeskription umwandelt?
Sprecher:innen müssen in der Lage sein, die ganze Kunstform zu verstehen, ähnlich wie die Regie. Es erfordert also schon, dass Sprecher:innen das Gefühl für das Stück und die einzelnen Szenen haben. Was passiert eigentlich? Was ist das Ziel? Was ist die Handlung? Oder auch die weiteren Ebenen wie das Licht, die Effekte, das Bühnenbild, die Details oder die Kostüme. Doch nicht nur das Gefühl ist wichtig, sondern auch die Freude daran. Sprecher:innen müssen ihre Arbeit auch gerne haben und ebenso die Kunstform. Zudem müssen sie abschätzen, ob erblindete Menschen folgen können, verstehen, worum es geht und was man gerade sieht.
Der erste Schritt ist jeweils ein Authoring, also das Erstellen eines Manuskripts. Das wird von Autoren erstellt, weil ansonsten es Sprecher:innen überlassen wird, im richtigen Moment die richtigen Worte zu finden. Also zum Beispiel ob das jetzt eine weitere Spielebene oder ein Podest auf der Bühne ist. Autoren überlegen sich da schon sehr genau, was da ist und wie man das sagen kann. Zudem ist die Handlung enorm wichtig, was gerade passiert, ob es eine Lücke gibt zwischen einem Dialog usw. Die Sprecher:innen können sich nicht live überlegen, welche Sätze man jetzt sagt. Darum wird das alles im Vorfeld gemacht, das braucht aber auch entsprechend Vorbereitungszeit. Sprecher:innen müssen die Aufführung bereits kennen, dazu erhalten Sie eine Videoaufzeichnung beispielsweise von einer Premiere oder der Hauptprobe. Zusammen mit dem Manuskript machen sie sich mit dem Stück oder einzelnen Szenen vertraut. Alles, was sie sprechen, müssen sie auch verstehen. Es geht nicht, wenn einfach im richtigen Moment die Texte einfach runtergelesen werden.
Sie dürfen in diesem Jahr bei der Märli-Biini die Audiodeskription machen. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?
Im Rahmen der Stanser Musiktage vor ein paar Jahren haben wir das erste Mal ein Live-Konzert im Theater an der Mürg beschrieben. Da habe ich den Stanser Künstler Christian Graf kennengelernt, der mit seiner «Wortspielerei» einen Hörgang durch Stans gemacht hat, damit auch erblindete Menschen Stans erleben können. Am Schluss hat es dazu geführt, dass wir bei der Jahresversammlung des Gewerbeverbandes Nidwalden in ein Gespräch über die Audiodeskription kamen in eben diesem Theaterhaus an der Mürg. Genau zu diesem Zeitpunkt war das Bühnenbild der Märli-Biini aufgestellt und mir wurde dieses von einem Mitglied des Gewerbeverbandes beschrieben. Ich war völlig fasziniert, wie detailreich das Bühnenbild erstellt wurde. Da habe ich zum ersten Mal von der Märli-Biini erfahren. Wie es der Zufall wollte, war der Präsident, Dave Leuthold, ebenfalls an dieser Jahresversammlung und hat von meiner Deskription erfahren. Das hat bei ihm etwas ausgelöst und er hat sich gefragt, wie die Audio-Deskription bei der Märli-Biini funktionieren könnte. Dann kam er ein Jahr später mit der Frage auf mich zu, ob und wie das realisierbar sei. So ist das zustande gekommen.