Peterchens Mondfahrt auf der Märli-Biini Stans
Ein Gespräch mit Maria Minutella über den Schreibprozess, Lieblingsszenen und die Botschaft eines mehr als hundertjährigen Märchens
Es gibt Geschichten, die lassen einen nicht los. Die man in der Kindheit entdeckt hat oder seinen eigenen Kindern vorliest. Für Maria ist «Peterchens Mondfahrt» genauso eine Geschichte. Als Autorin des diesjährigen Stücks der Märli Biini hat sie einen langjährigen Wunsch verwirklichen dürfen. Dies merkt man, denn wenn sie über das Stück spricht, sprudelt es nur so aus ihr heraus. «Das Stück habe ich meinen Kindern schon immer vorgelesen. Es ist einfach ein wunderschönes Stück. Es hat alles, was Spannung haben muss, es hat alles, was Zauber haben muss. Es ist einfach so komplex – und meine Kinder haben es gefressen.»
Diese persönliche Verbindung zu Gerdt von Bassewitz Klassiker, der vor über hundert Jahren erschienen ist, war der Ausgangspunkt für alles. Maria entdeckte das Buch beim Schmökern und machte es zum abendlichen Vorleseritual mit ihren Kindern. «Das war auch eine Methode, um Kinder ins Nest zu bringen», lacht sie. Es hat nicht nur ihren Kindern gut gefallen, sondern auch den Spielgruppenkindern. Maria weiss, dass wenn man Kindern eine Geschichte vorliest, dann kleben sie einem an den Lippen. Genau das ist die Magie des Zuhörens und des gemeinsamen Eintauchen in eine andere Welt. Genau das will «Peterchens Mondfahrt» auf der Märli Biini entfachen.
Der Weg vom Lesestoff zum Theaterstück war allerdings kein einfacher. Das Original von Bassewitz ist literarisch komplex: Der Autor erzählt auf Seitensträngen, springt in der Zeit hin und her und verwebt Vergangenheit und Zukunft miteinander. «Wenn man es so liest, ist es recht anspruchsvoll», erklärt Maria. «Das mussten wir natürlich alles herunterbrechen.»
Maria hatte schon von Anfang an ein persönliches Bild von der Geschichte. Sie hatte die Szenen und Figuren schon immer vor Auge. «Ich war richtig glücklich, dass ich das schreiben durfte, dass ich die Bilder umsetzen konnte, die ich immer vor Augen hatte.» Dies half ihr auch enorm das Stück zu vereinfachen und herunterzubrechen.
Der Schreibprozess von Maria ist dabei sehr einzigartig. Maria wartet einfach, bis die Lust wirklich da ist. Sie erzwingt das Schreiben nicht, sondern sie wartet einfach auf den richtigen Moment. «Erstens einmal muss ich aufwachen und Lust haben dazu. Wenn ich sage, ich sollte noch das, ich sollte das Denken und so, dann lasse ich es los, weil ich weiss, es kommt ein Tag, wo ich total Bock habe und Lust habe.» Und wenn dieser Moment kommt, dann sitzt sie wirklich sehr intensiv dran. Das Schwierigste sei der Anfang. Welchen Bogen spannt man über das ganze Stück? Ist diese erste Szene einmal gefunden, kann sie nicht mehr loslassen und schreibt in zwei bis drei Tagen das ganze Stück fertig.
Der erste Entwurf ist aber erst der Anfang. Danach folgt die grosse Arbeit: gemeinsames Lesen, Szene für Szene, Beurteilung und Überarbeitungen. Es stellen sich Fragen wie: was funktioniert, was nicht, wo fehlt die Logik? Bei Peterchens Mondfahrt hat es etwa drei Monate bis zum Endprodukt gebraucht.
Maria liegen gleich zwei Szenen sehr am Herzen. Die erste Szene ist die Ankunft beim Sandmännchen im Himmel. «Das Eintauchen in diese Fantasiewelt, denn vorher ist alles noch so abstrakt. Sie fliegen jetzt zum Mond, sie habe keine Ahnung, was sie erwartet. Völlig totaler Sprung ins Nichts, ins Kalte. Und dann kommen sie in diese magische Welt.» Für Maria ist das der Schlüsselmoment, in dem die Kinder im Publikum zum ersten Mal wirklich in der anderen Welt ankommen, zusammen mit Peter und Annelise.
Die zweite Lieblingsszene von Maria ist der Mitternachtskaffeeklatsch bei der Nacht Fee. «Da kommen all die Elemente dazu, die die Kinder kennen. Der Wind, das Wasser, der Blitz… Und jetzt werden die lebendig. Du merkst, wie die Gemeinschaft treibt, wenn sie zusammenkommt. Wie sie dann als Abenteuer fortsetzen können.» Es ist der Moment, wo aus einzelnen Figuren ein Kollektiv wird. Dies ist kein Zufall, denn es ist auch die zentrale Botschaft des Stücks.
Wenn man Maria nach der Kernbotschaft von «Peterchens Mondfahrt» fragt, kommt die Antwort sofort und klar: «Zusammen schaffen wir das. Zusammen schaffen wir alles.»
Aber es steckt noch mehr darin. Das bedingungslose Vertrauen, der Mut, kopfüber in etwas Unbekanntes zu springen, auch wenn es gefährlich ist. «Was sie machen, ist ja unglaublich. Die fliegen zum Mond. Und einfach das bedingungslose Vertrauen, das man hat. Und dann dieser Mut und das Annehmen von all dieser Hilfe und das Erleben, dass es ohne die anderen nicht geht. Das finde ich eine riesige Botschaft für die Kinder.»
Und für die Erwachsene? «Ja, für die, die nicht durch diese Botschaften durch sind als Kind – für die ist es jetzt Zeit», erzählt sie lachend.
Zur Magie des Stückes trägt auch etwas Besonderes bei: Livemusik. Maria ist seit jeher eine Befürworterin davon. «Livemusik ist immer ein Gewinn für jedes Stück. Es wertet ein Stück einfach auf. Das ist so.» Man habe das bereits bei früheren Produktionen der Märli Biini gespürt z. B. Aljoscha oder der Kaiser und die Nachtigall. Denn die Musik verleiht dem Ganzen eine andere emotionale Tiefe und kein Auftritt ist ganz gleich wie der andere. «Es gibt manchmal Variationen drin, manchmal andere Stimmungen. Das ist halt schon etwas Besonderes.»
Maria selbst ist in der aktuellen Produktion nicht auf der Bühne. Sie hat aber das Stück geschrieben und schaut nun von aussen zu. «Ich bin gespannt darauf, wie es umgesetzt wird», sagt sie. Was Stefan und das Ensemble aus ihrem Text macht, sehen wir dann an der Premiere im September.
Und eines ist klar: Wer «Peterchens Mondfahrt» auf unserer Bühne erlebt, erlebt nicht einfach ein Kinderstück. Er erlebt eine Geschichte über Mut, Vertrauen, Gemeinschaft und die Magie des gemeinsamen Abenteuers. Geschrieben mit der ganzen Leidenschaft einer Frau, die diesen Stoff seit Jahren im Herzen trägt. «Ich könnte jetzt den ganzen Tag referieren über das Stück. Du merkst schon – ich habe da totale Leidenschaft drin.» Das merkt man. Und das Publikum wird es spüren.